Viktor sucht die Menschlichkeit
Der 48-jährige Iraner Viktor ist ein zurückhaltender Mann mit ungewöhnlichen Talenten.
Viktor Kewani im Interview mit Katharina Nagele
Aus Gute Zeitung, Sommerausgabe 2021
Als Viktor Kewani 2006 sein Restaurant verkauft, beginnt seine lange Reise durch Europa. Seine Erzählung ist ein umfassender Menschenrechtsbericht.
Gute Zeitung: Herr Kewani, Sie sind 46 Jahre alt. Sie haben im Iran ein halbes Leben zurückgelassen. Warum?
Viktor Kewani:
"Unsere Familie hatte ein Café-Restaurant, das ich 2006 verkauft habe. Ich bin dann zur Arbeit zwischen der Türkei und dem Iran hin und her gependelt und dadurch hat sich meine Weltsicht verändert. Wie im Iran Frauen und Männer getrennt werden, ich habe nicht mehr verstanden, wie wir das aushalten. Ich war hin- und hergerissen. Ich bin auch zum Christentum konvertiert, habe das aber im Iran niemandem erzählt. Ich spiele Geige und komponiere. Eines Tages wurde ich eingeladen, Musik für ein Fernsehspiel zu schreiben und habe dafür einen Preis gewonnen. Ich dachte: Wenn ich so gut bin, dann kann ich vielleicht davon auch woanders leben. Also bin ich in die Türkei gezogen und von dort nach Griechenland gependelt, um zu spielen. In der Türkei habe ich immer mein Visum verlängern lassen. Dort hat man mir eines Tages gesagt, dass ich bleiben kann, solange ich will. Aber dass es vorkommt, dass Iran Leute zurückholt. Darüber gäbe es eine Vereinbarung mit der Türkei.
Also wollte ich ganz nach Griechenland. Vorher wollte ich noch einmal nachhause, um all meine Papiere zu holen, das war zur Zeit der grünen Bewegung im Iran. Doch da wurde diese Frau erschossen, Neda. Sogar die Zeitungen in Griechenland haben davon berichtet. Ich habe wahnsinnige Angst bekommen, dass irgendwer draufkommt, dass ich jetzt eine andere Religion habe und dass ich im Gefängnis lande. Also bin ich nicht gefahren und bin in Griechenland geblieben. Dort habe ich jeden Tag in einer Kirche Geige gespielt, für die Messe. Mein Geld war aus, ich war obdachlos. Ich habe einen Monat bei ihnen gewohnt, dann brachten sie mich nach Albanien. Nach 14 Tagen, in denen ich durch den Wald gegangen bin und mich nur von Beeren ernährt habe, kam ich in Tirana an. Der Übersetzer bei der Polizei war ausgerechnet ein Mitarbeiter der iranischen Botschaft. Er hat mir Geld angeboten, wenn ich Informationen weitergebe. Aber ich habe nichts gesagt. Plötzlich hieß es, ich bin ein anerkannter Flüchtling und ich darf hierbleiben. Von der Polizei bekam ich noch zwei Babyhunde geschenkt. Ich kam in ein abgeschieden gelegenes Heim, in dem 13 andere Menschen lebten, alle aus dem Kosovo. Als konvertierter Muslim und mit den zwei Babyhunden, die den anderen die Schuhe zerbissen, war ich nicht sehr beliebt. Ich wurde gemobbt und musste für alle das Haus putzen. Es gab einmal pro Woche ein Huhn für uns alle, keine Arbeit, keine Krankenversicherung.
Wir wurden eine Woche lang jeden Tag mehrere Stunden lang von der Geheimpolizei verhört. Sie konnten nicht glauben, dass wir zu Fuß gekommen waren und wollten unbedingt unsere Fluchtroute herausbekommen. Wir mussten ihnen die Stelle im Wald zeigen, wo wir über die Grenze gekommen sind. Sie haben uns mit Gewehren vor sich hergetrieben. Ich war sicher, dass sie uns einfach von hinten erschießen würden. Schlussendlich kam ich in ein Quartier in Temeschwar/Rumänien. Drei bis vier Menschen teilten sich ein Zimmer, das Haus war voller Ungeziefer. Man musste arbeiten, sonst verlor man seinen Schlafplatz. In der Früh kam ein Minibus, der sammelte die Leute ein für die Arbeit am Feld. Dafür gab es 25 Euro im Monat. Das Geld hat nie gereicht, ich war gezwungen, mir Essen aus dem Mist zu holen. ging weiter nach Ungarn. Ich kam in ein Heim in Debrezen und war ganz überrascht, dass es nicht nur warmes Essen gab, sondern sogar Nachspeise. Aber nach sieben Monaten hieß es: Morgen kommt die Polizei und holt dich. Sie bringen dich zurück nach Rumänien und dort ins Gefängnis. Ich habe Platzangst!
Ich beschloss, mich umzubringen. Doch zuvor suchte ich in der Bibel nach Rat. Ich schlug eine Seite auf und da stand: „Ladet alle eure Sorgen bei Gott ab, denn er sorgt für euch.“ Ich dachte: Wenn er das sagt, wird er mir helfen und bin ruhig schlafen gegangen. In der Früh kam die Polizei. Sie legten mir Handschellen an, die sie an einer Kette um meinen Bauch festmachten. An einer weiteren Kette zogen sie mich. Es ging mir sehr schlecht, ich konnte nicht atmen. Ich sagte immer wieder: Ich bekomme keine Luft. Was dann geschah, weiß ich nicht mehr genau. Ich kam ins Krankenhaus, dort wurden mir meine Ketten abgenommen. Eine Frau sagte zu mir: „Du solltest weglaufen. Die Polizei wird sonst wiederkommen.“ Die Zeugen Jehovas halfen mir: Sie besorgten mir ein Ticket und setzten mich in einen Zug von Budapest nach Wien."
Gute Zeitung: Wie geht es Ihnen jetzt?
Viktor lächelt, seine Augen funkeln, er antwortet mit einem Zitat: "Wie es mir geht, sehen Sie an der Farbe meines Gesichts."